Bei Brennnesselseminaren im späten Frühjahr oder Sommer sticht die Brennnessel noch sehr und das Spinnen geht im Sommer nicht so gut, deshalb lag der Schwerpunkt des eintägigen Kurses diesmal bei den Kordeln und den Schlingtechniken. Der Werkstattladen von Stefanie Wald liegt mitten in der Altstadt von Sindelfingen. Ein altes Weberhaus, das Storchenhaus wird es auch genannt, weil dort lange Störche auf dem Dach genistet hatten. Hier passt diese uralte Handwerkskunst besonders gut hinein. Stefanie erzählte zur Begrüßung, dass all die Jahrhundertealten Gebäude in den 70er Jahren abgerissen werden sollten. Nur durch die Bürger, die dann die Häuser gekauft und in Eigenleistung renoviert und erhalten hatten, konnten diese wertwollen Zeitzeugen und Schätze erhalten werden.
Der Kurs war sehr entspannt, ging wie immer mit dem Ernten los. Auch das bewusste Stechen mit der Brennnessel um den Körper und auch den Geist zu aktivieren, gehört bei mir immer dazu. Räucherbuschen, Traumfänger, Armbänder und der Anfang eines Beutels konnte von den Teilnehmerinnen erstellt werden. Die unterschiedlichen Stängelqualitäten konnten erfühlt und ausprobiert werden. Eine Teilnehmerin hatte viele Stängel gesammelt und ich habe sie für sie begutachtet. Ich merke dann immer, dass gerade das Ernten, und zu wissen, wann lohnt es sich, die Stängel mitzunehmen, und wann sind sie schon zu verrottet, ausschlaggebend ist, ob man gut mit der Faserherstellung dann auch Zuhause zurechtkommt und weitermacht.
Für mich ist es immer sehr schön zu sehen, wenn die Menschen in eine Entrücktheit kommen, so ganz konzentriert bei der Sache sind, die Zeit stehen bleibt. Drei Geschichten konnte ich sogar zwischendrin erzählen, wenn alle mit dem Kordel drehen beschäftigt sind, ich mal nichts erklären brauche, entsteht dafür eine schöne Stimmung: Wie die Brennnessel die Menschen rettete, die Jungfrau Marleen und die 6 Schwäne.
Danke an die lieben Teilnehmerinnen, für den schönen Tag mit spannendem Austausch. Ich habe zum Beispiel gelernt, als es darum ging, dass man gar nicht so genau zählen muss, es nicht so perfekt sein muss, dass es bei den persischen Handwerkern wohl üblich ist, Fehler absichtlich einzuweben oder einzubringen. Sie sind der Überzeugung sind, dass nur Gott perfekt ist, uns Menschen die Fehlbarkeit ausmacht. Ein schöner Gedanke und auch eine Möglichkeit, sich von künstlicher Intelligenz und künstlichen Werken abzuheben, es ist gerade das Unperfekte, dass auch für Wandel, Raum für Intuition und Erneuerung bietet. Natürlich schwingt nun auch immer der Löwenzahn bei mir mit, der für all das steht.
Tja und dann wollte ich auf jeden Fall noch die Altstadt ansehen. Stefanie empfahl mir das Gebäude ganz in der Nähe, dass auch Hexensprung genannt wird, anzusehen. Dort stand eine Tafel, die spannendes aus der Zeit der sogenannten Hexenverfolgung aufzeigt. Besonders ergreifend war die Auflistung der Namen und ein paar aufgeführte Einzelschicksale, die auf den Schildern beschrieben wurden. Wie verroht und von jeglichem Mitgefühl abgetrennt mussten die Menschen gewesen sein, um solche Greueltaten ausführen zu können. Hoffnung machen die Zeugnisse, dass es auch Briefe gegen die Ankläger und Mörder der Frauen gab, das Haus des Pfarrers würde brennen, wenn er die gute Frau nicht frei lassen würde, auch er solle spüren, wie es sich anfühlt, verbrannt zu werden. Ich glaube ja, dass das Karma dazu führt, dass jeder selbst erfahren muss, was er anderen antut, ansonsten wird man ja selbst grausam. An Karma zu glauben, würde die Welt denke ich, sofort friedlich machen. Dafür braucht es sicher noch mehr Bewusstheit, und da kommt die Brennnessel wieder ins Spiel :-)
Sindelfingen hat leider auch viele sehr unschöne Gebäude und derzeit sehr viele Baustellen. Die wunderschön und liebevoll gestalteten Gebäude der Vergangenheit stehen so in einem für mich etwas verstörendem Kontrast. Man fragt sich, was ist mit den Menschen geschehen, dass viele und offenbar gerade die, die Bestimmen, wie eine Stadt gestaltet wird, keinen Wert mehr auf Schönheit setzen, oder gar nicht mehr erkennen, was harmonisch ist und was beim Ansehen schon Stress verursacht. Wenn man mit Naturmaterial werkelt, ist das eigentlich immer schön, das stelle ich immer wieder fest.
Danke an Stefanie Wald für die liebe Versorgung mit Mittags- und Kuchenbuffet und das schöne Drumrum im und vor dem Laden. Danke an die Bürger von Sindelfingen, die die Gebäude, soweit es möglich ist, erhalten und danke an die Teilnehmerinnen, für den schönen gemeinsamen Tag.










































